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Maßlos maßvoll.

von Anica Müller2014-12-14

In der Boros-Kunstsammlung im Berliner Bunker steht eine Popcorn-Maschine die endlos Popcorn produziert. Vierundzwanzigsieben. Seit zwei Jahren pufft sie Maiskorn um Maiskorn vor sich hin und füllt so unermüdlich den ansonsten leeren Raum.
Verwirklicht hat diese Idee der niederbayrische Künstler Michael Sailstorfer. Sie besticht durch ihre sinnliche Präsenz. Man sieht die Kunst nicht nur, man hört und riecht sie auch. Mich beeindruckt jedoch vor allem die Maßlosigkeit dieser Installation. In unserer aufgeklärten Überfluss-Gesellschaft ist das
richtige Maß zu finden nicht einfach(er) geworden. Wie viel ist erlaubt? Wie viel ist genug? Wie viel ist gerade noch „pc“?

„Wir machen aus Sonne Eis“ ist der Werbeslogan meiner favorisierten Berliner Eismanufaktur. Unter deren 31 Milcheissorten und 13 Fruchteissorten findet selbst der glutenempfindliche und laktoseintolerante Kunde wieder Spaß am Produkt und ich erst Recht. Ich habe mich in den letzten Jahren fast durch das ganze Sortiment getestet. Obwohl es von jeder Sorte auch eine Probiergröße gibt, kaufe ich immer die 500g Familienpackung. Aus Prinzip. Und aus
Maßlosigkeit! Und nicht ohne Topping: aktuell sind es heiße Beeren mit
frischen Walnüssen. Wenn mein Partner auch etwas von dem Eis haben
möchte, kaufe ich ihm eine eigene Packung. Meine Portion teile ich nie.
Da ich ansonsten fast keine schwierigen zwischenmenschlichen Charaktereigenschaften habe, lässt mein Freund mich gewähren. Er weiß um meine
Freude, die ich daran habe. Es macht mich glücklich, wenn ich eine Packung „Swiss Chocolate“ öffne und weiß, bis zum letzten Löffel geht es hier um meinen persönlichen Genuss.
Ich bin der Überzeugung, dass bewusster, ausgesuchter Genuss keine
Todsünde, sondern eine Kardinaltugend ist. Wer zu genießen versteht, hat für sich im fordernden und stressgeprägten Alltag eine unschätzbare Qualität
geschaffen – einen Moment der Ruhe und der reinen Sinnesfreude.
„Der Kultivierte bedauert nie einen Genuß. Der Unkultivierte weiß überhaupt nicht, was ein Genuß ist.“ (Oscar Wilde)

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