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Dein Style spricht.

von Anica Müller2014-10-16

„Alles, was man seinem Körper hinzufügt, ist ein Mittel der Kommunikation“, sagte Vanessa Friedmann im Mai 2014 dem ZEITmagazin ONLINE in einem Interview. Friedmann ist seit diesem Jahr die neue Chefkritikerin in Sachen Fashion bei der New York Times.

Davon mal abgesehen, dass sie damit wahrscheinlich einen der einflussreichsten Posten in der weltweiten Modeberichterstattung bezogen hat, hat sie mit dieser Aussage schlicht und ergreifend Recht. Wir scannen die Menschen, die uns im Alltag begegnen und ordnen sie mit Hilfe von Mode-Codes und diversen Dazugehörigkeits-Zeichen in oberflächliche Kategorien ein. Was man trägt, der eigene Look, spielt dabei eine enorm wichtige Rolle. Er transportiert unser modisches Interesse, unsere Exzentrik, unsere Eitelkeit und unseren Wunsch nach Außenwirkung.

Der junge Mann, hinter dem ich häufig in der Warteschlange des Kaffee-
Ladens auf meiner Ecke stehe, hat einen für Berlin nicht ungewöhnlichen Look. Er ist augenscheinlich ein Hipster, er weist alle Anzeichen dieser polarisierenden Subkultur auf. Seine Haare trägt er wie Joko, die Ärmel seiner Karohemden sind stets tatkräftig nach oben gekrempelt und lenken den Blick auf die bunten, recht trivialen Tattoo-Bildchen auf seinem wenig behaarten Unterarm. Seine ansonsten enge Jeans sitzt nur am Hintern lässig, noch lässiger als seine Frisur. Seine Hornbrille ist ein schönes Modell, das war bestimmt nicht billig. Sein
Jutebeutel mit „I love me“-Aufdruck ist dafür doppelt billig. Der Mann hat ein iPhone, ich auch. Seines steckt in einer weißen Plastikhülle mit einem aufgedruckten schwarzen Schnurrbart. Mein Handy hat keinen Schnurrbart, mein Handy ist ne Lady. Sie hat gar keine Hülle. Sie braucht kein schnödes TamTam. Sie weiß um ihre inneren technischen Werte.
Der Mann tut mir oft ein bisschen leid und dass, obwohl er in der Schlange sogar fast immer vor mir steht. Wenn viele Leute, bewusst oder unbewusst, den gleichen Look anstreben, wird aus der inspirierenden Subkultur unausweichlich ein modischer Stereotyp. Ein weiteres Trend-Beispiel in dem der Wunsch nach gesteigertem Individualismus, letztendlich doch wieder im schnöden Konformismus endet.
Aber es gibt Hoffnung für alle styling-müden Hipster:
Die New Yorker Trendagentur K-Hole hat eine neue Trendrichtung benannt:
normcore, eine Wortneuschöpfung aus normal und hardcore, bezeichnet ein neues Lebensgefühl und bedeutet für dessen Anhänger nicht nur modisch „auffällig unauffällig“ zu sein. Normal ist ab jetzt hip.
Also kein Special-Cappuccino-Haselnuss-Soja-Coffee, sondern Filterkaffee
To Go darf es nun sein. Mich freuts, dann komme ich ab jetzt am Morgen schneller an die Reihe.
DIE WELT jedoch nicht, weil sie, vielleicht berechtigt, befürchtet, dass unserer Gesellschaft dabei die Exzentrik verloren gehen könnte:
"Neuer Hipster-Trend ist unerträglich selbstgefällig" auf www.welt.de

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